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Wie Bias in KI entsteht

Eine KI ist nicht böse und hat keine Meinung. Sie wählt das statistisch Häufigste aus ihren Übungsdaten. Genau daraus entsteht die Schieflage, und genau das können schon Grundschulkinder verstehen.

Der Mechanismus in einem Satz

Eine KI macht aus einem „meistens" ein „immer".

Dieselbe Software, zwei sehr verschiedene Ergebnisse

Drei kommerzielle Programme sollten auf Porträtfotos nur erkennen, ob eine Frau oder ein Mann zu sehen ist. Bei Männern mit hellem Hautton lagen sie fast immer richtig. Bei Frauen mit dunklem Hautton lag ein System in mehr als jedem dritten Fall falsch. Es ist dasselbe Programm, derselbe Rechner, dieselbe Aufgabe.

MicrosoftFace++IBM
01020 3040 Fehlerrate in % 0,00,80,3 1,79,87,1 6,00,712,0 20,834,534,7 Männerheller Hautton Frauenheller Hautton Männerdunkler Hautton Frauendunkler Hautton
Wie oft die drei Programme das Geschlecht falsch zuordneten. Daten nach Buolamwini & Gebru (2018), Tabelle 4; Datensatz: 1 270 Porträtfotos von Abgeordneten aus sechs Ländern. Die Studie ordnet nach Hautton (Fitzpatrick-Skala), nicht nach Herkunft.
Warum die Gesamtnote das Problem versteckt

Über alle Personen hinweg lagen die Systeme in 87,9 % bis 93,7 % der Fälle richtig. Mit so einer Zahl lässt sich ein Produkt gut verkaufen. Sie verdeckt aber, dass einzelne Gruppen bis zu einem Drittel Fehler erleben.

Noch deutlicher: Frauen mit dunklem Hautton stellten 21,3 % des Datensatzes, verursachten aber 61 % bis 72 % aller Fehler. Männer mit hellem Hautton stellten 30,3 % des Datensatzes und verursachten 0 % bis 2,4 % der Fehler.

So erklären Sie das ohne Technik

„Wenn du zum Üben nur Bilder von Golden Retrievern bekommst und dann einen Dackel siehst, erkennst du ihn dann als Hund?" Was ein System selten gesehen hat, erkennt es schlechter. Die Anschlussfrage für die Demokratiebildung: Wer merkt es eigentlich, wenn ein Gerät bei manchen Menschen öfter falsch liegt?

Aus „meistens" wird „immer"

Bildgeneratoren lernen aus Millionen Bild-Text-Paaren aus dem Internet. Sie merken sich, welche Bildmuster besonders häufig zu welchen Wörtern gehören, und geben beim Erzeugen das Wahrscheinlichste zurück. Weil sie immer die häufigste Kombination wählen, verschwinden die Ausnahmen. Und manchmal liegt das Ergebnis nicht nur schief, sondern der Wirklichkeit entgegengesetzt.

So stellt die KI den Beruf darSo ist es in den Arbeitsmarktdaten
0 %25 %50 % 75 %100 % Anteil Frauen 0 %2 % 0 %56 % 0 %58 % 100 %93 % Elektriker:in Richter:in Biolog:in Friseur:in Hier liegt die KI gegen die Statistik falsch
Anteil weiblicher Figuren in KI-erzeugten Bildern gegenüber US-Arbeitsmarktdaten. Daten nach Cheong et al. (2024), Anhang B; 105 Berufe mit je 10 Bildern, jedes Bild von fünf Personen unabhängig eingeordnet.
Bei rund 85 % der untersuchten Berufe zeigte das System ausschließlich Menschen, die von den Forschenden als weiß eingeordnet wurden. Und bei einem anderen Bildgenerator waren 99 % der Bilder zu „software developer" weiß, während in den Arbeitsmarktdaten 56 % der Softwareentwickelnden weiß sind (Bianchi et al. 2023). Die KI bildet die Wirklichkeit also nicht ab, sie übertreibt sie.

Auch Dinge sind nicht neutral

Das lässt sich ganz ohne Menschendarstellung zeigen, und eignet sich deshalb gut für den Sachunterricht. Fragt man einen Bildgenerator nach einem Hinterhof, einer Haustür, einem Sessel oder einer Küche, ohne jede Ortsangabe, dann sehen die Ergebnisse fast immer nordamerikanisch aus.

100 %
der Bilder zu „Hinterhof"
99 %
der Bilder zu „Haustür"
99 %
der Bilder zu „Sessel"
96 %
der Bilder zu „Küche"

Anteil der Bilder, die einer nordamerikanischen Darstellung ähnlicher waren als einer aus Asien oder Afrika. Daten nach Bianchi et al. (2023).

Unterrichtsidee: „Erst raten, dann schauen"

Die Kinder schätzen zuerst, wie viele Menschen in einem Beruf wirklich Frauen sind. Dann zeigen Sie vorbereitete KI-Bilder. Der Aha-Moment ist die Lücke zwischen beidem. Besonders lohnend sind Richter:in und Biolog:in: Dort liegt die KI nicht nur einseitig, sondern nachweislich falsch.

Wer schreibt eigentlich das Internet?

Sprachmodelle sagen im Kern immer nur voraus, welches Wort als Nächstes am wahrscheinlichsten ist. Sie verstehen nicht, wovon sie sprechen. Trainiert werden sie mit Texten aus dem Internet, und wer dort schreibt, ist keine Zufallsauswahl der Menschheit.

67 %
der Reddit-Nutzenden in den USA waren Männer
Erhebung 2016
9–15 %
der Wikipedia-Autor:innen sind Frauen oder Mädchen
je nach Erhebung
> 90 %
der Sprachen der Welt haben kaum Sprachtechnologie
über 1 Milliarde Sprechende

Erhebungen Dritter, zusammengetragen und eingeordnet von Bender et al. (2021).

Kinderfrage

„Wenn ein Computer alles aus Texten lernt, die vor allem junge Männer geschrieben haben, was lernt er dann nicht?"

Ein Bild, das Kinder sofort verstehen: der Papagei

Ein Papagei sagt Sätze nach, die er oft gehört hat, ohne zu wissen, was sie bedeuten. Genau so arbeitet ein Sprachmodell: Es reiht Wörter aneinander, die häufig zusammen vorkommen. Der Sinn entsteht erst im Kopf der Person, die es liest, nicht in der Maschine.

Das Bild hilft gegen die verbreitete Vorstellung, im Computer säße jemand, der nachdenkt. Es stammt nicht von uns, sondern ist der Fachbegriff aus der Originalarbeit: „stochastischer Papagei".

Die gute Nachricht: Es ist unterrichtbar

Die wichtigste Studie für unser Projekt hat Kinder untersucht. Vor dem Unterricht konnte über ein Drittel gar nicht erklären, warum eine KI immer nur Jungen als Fußballspieler malt. Viele sagten sinngemäß, „die KI denkt eben so". Nach drei Workshops, in denen die Kinder erst selbst ein kleines Bilderkennungs-Programm trainiert und danach mit einem Bildgenerator experimentiert hatten, erklärten deutlich mehr die Ursache dort, wo sie tatsächlich liegt: in den Beispielbildern.

vor dem Unterrichtnach dem Unterricht
01020 304050 Anteil der Antworten in % 38,823,7 35,723,2 13,37,7 5,11,6 7,143,8 keineErklärung Vorurteile vonMenschen „die KI denktoder fühlt" Entwickler:innenoder Nutzende die Trainings-daten die richtige Erklärung
Wie Kinder erklären, warum eine KI verzerrte Bilder erzeugt. Daten nach Vartiainen et al. (2025); 196 Kinder vorher, 194 nachher, 4. und 7. Klasse, Finnland 2023. Der Unterschied ist statistisch bedeutsam mit mittlerer Effektstärke.
Die Reihenfolge ist die eigentliche Botschaft
  • Erst selbst trainieren, dann generative KI kritisieren. Die Forschenden führen den Lernzuwachs genau darauf zurück, dass die Kinder den Zusammenhang zwischen Beispielen und Ergebnis eigenhändig erzeugt haben. Genau dafür gibt es bei uns die Lernmaschine.
  • Realistisch bleiben: Auch nach dem Unterricht erklärte weniger als die Hälfte der Kinder den Bias datenbezogen. Das Ziel ist keine Quote von 100 %, sondern eine Verschiebung. Alltagsvorstellungen sind zäh.
  • Direkt übernehmbare Einstiegsaufgabe: „Eine Klasse macht mit KI ein Plakat für ein Fußballturnier. Es klappt nicht, weil auf allen KI-Bildern nur Jungen zu sehen sind. Warum passiert das? Wem könnte das schaden?"
Vorsicht bei der Wortwahl: Eine KI ist nicht rassistisch oder sexistisch im Sinne einer Gesinnung. Alle Untersuchungen beschreiben denselben nüchternen Mechanismus: Die Systeme wählen das statistisch Häufigste. Genau diese Nüchternheit ist auch das Lernziel. Kinder sollen von „die KI mag keine Mädchen" zu „die KI hat mehr Bilder von Jungen gesehen" gelangen.

Literatur zu diesem Kapitel

Bender, E. M., Gebru, T., McMillan-Major, A., & Shmitchell, S. (2021). On the dangers of stochastic parrots: Can language models be too big? FAccT '21, 610–623.

Bianchi, F., Kalluri, P., Durmus, E., Ladhak, F., Cheng, M., Nozza, D., Hashimoto, T., Jurafsky, D., Zou, J., & Caliskan, A. (2023). Easily accessible text-to-image generation amplifies demographic stereotypes at large scale. FAccT '23.

Buolamwini, J., & Gebru, T. (2018). Gender shades: Intersectional accuracy disparities in commercial gender classification. Proceedings of Machine Learning Research, 81, 77–91.

Cheong, M., Abedin, E., Ferreira, M., Reimann, R., Chalson, S., Robinson, P., Byrne, J., Ruppanner, L., Alfano, M., & Klein, C. (2024). Investigating gender and racial biases in DALL-E Mini images. ACM Journal on Responsible Computing, 1(2), Artikel 13.

Vartiainen, H., Kahila, J., Tedre, M., López-Pernas, S., & Pope, N. (2025). Enhancing children's understanding of algorithmic biases in and with text-to-image generative AI. New Media & Society, 27(9), 5342–5368.

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