Kinder kommen nicht mit Vorurteilen zur Welt. Aber sie haben sie sich meist schon zugelegt, bevor sie eingeschult werden. Was die Forschung darüber weiß, und was daraus für Ihren Unterricht folgt.
Kinder lernen in der Grundschulzeit zwei verschiedene Dinge, und zwar nacheinander. Zuerst begreifen sie, dass eine einzelne Person ein Vorurteil haben kann. Erst deutlich später verstehen sie, dass es Vorurteile gibt, die viele Menschen in der Gesellschaft teilen. Genau dieses zweite Verständnis entsteht mitten in der Grundschulzeit.
Mit dem Alter lernen Menschen, das „Richtige" zu sagen. Ihre unbewussten Verzerrungen bleiben davon aber unberührt. In einer Untersuchung wurde bei denselben Personen beides getrennt gemessen, und die Ergebnisse laufen auseinander.
Bewusst: Die Personen wurden schlicht gefragt, welches von zwei Kindern sie lieber mögen. Gezählt wurde, wie oft sie das Kind der eigenen Gruppe wählten. Bei 50 % gäbe es keine Bevorzugung, das wäre reines Raten.
Unbewusst: Hier wird nicht gefragt, sondern die Reaktionszeit gemessen. Man sieht Gesichter und Wörter und muss sie schnell zuordnen. Fällt die Zuordnung „eigene Gruppe + gut" leichter als „andere Gruppe + gut", ist das messbar. Bei 0 gäbe es keine Voreingenommenheit. Der gefundene Wert von 0,22 gilt als deutliche Bevorzugung.
Das ist der vielleicht ermutigendste Befund dieses Kapitels. Den Kindern wurden 33 Schulfächer und Berufe vorgelegt, etwa Sport, Kunst, Mathematik oder Informatik. Zu jedem beantworteten sie dieselbe Frage zweimal: einmal, wen wohl die meisten Leute für besser darin halten, und einmal, wen sie selbst für besser darin halten.
Das Ergebnis: Kinder und Jugendliche kennen die Klischees sehr genau. Aber sie teilen sie nur etwa halb so stark. Wissen ist eben nicht dasselbe wie Zustimmung, und Kinder wehren sich aktiv gegen einen Teil dessen, was sie mitbekommen.
Trennen Sie im Gespräch sauber zwischen „Was denken die meisten Leute?" und „Was denke ich?". Genau diese Unterscheidung erlaubt es Kindern, ein Klischee zu erkennen, ohne es zu übernehmen. Sie funktioniert bereits im Grundschulalter und ist im Material der Bias-Detektiv:innen fest verankert.
Wenn Sie mit Kindern über arme und reiche Menschen sprechen, sprechen Sie nicht in ein leeres Feld hinein. Bereits Vier- bis Neunjährige bringen ein fertiges Bild mit, und dieses Bild betrifft ausgerechnet den Kern Ihres Arbeitsfelds: Klugheit, Lesen, Rechnen, Schulerfolg.
In vielen Klassen ist Antirassismus als Regel angekommen: Kinder wissen, dass man niemanden wegen seiner Hautfarbe ausschließt. Für Ausgrenzung entlang von Armut und Reichtum fehlt diese Norm noch weitgehend. Ausschluss wegen Vermögens wurde in der Untersuchung als weniger schlimm bewertet als Ausschluss wegen Hautfarbe, und Kinder, die sich selbst als wohlhabender einschätzten, urteilten noch nachsichtiger.
Daten nach Burkholder et al. (2020).
Wenn Sie über Ausgrenzung sprechen, nehmen Sie das Thema Geld ausdrücklich mit auf, und behandeln Sie nicht nur die Merkmale, für die Kinder schon eine fertige moralische Antwort parat haben. Im Alltag heißt das: Markenkleidung, Handys, Klassenfahrten, Geburtstagseinladungen, Ausflüge.
Ein unbequemer Befund, der unmittelbar an Ihren Alltag rührt. Sobald Kinder ein negatives Vorurteil über die eigene Gruppe kennen, kann die bloße Ankündigung „Das ist jetzt ein Test, der zeigt, was ihr könnt" ihre Leistung senken. Nicht weil die Kinder weniger können, sondern weil die Sorge, ein Vorurteil zu bestätigen, Denkkapazität bindet. In der Fachsprache heißt das stereotype threat.
Dieselbe Aufgabe, zwei Ansagen, ein Unterschied von 4,1 auf 2,8. Eine Formulierung wie „Wir schauen, wie ihr denkt" statt „Das ist ein Test, der zeigt, was ihr könnt" kostet nichts und kann die Bedingungen für einzelne Kinder deutlich verändern.
Der Soziologe William Corsaro widerspricht der Vorstellung, Kinder würden Vorurteile einfach von Erwachsenen übernehmen. Kinder greifen sich aus der Erwachsenenwelt heraus, was sie brauchen, und bauen daraus ihre eigene Kultur in der Gruppe: gemeinsame Spiele, Regeln, Sprüche, Rollen. Vorurteile werden dabei nicht nur weitergegeben, sondern in der Gruppe hergestellt und benutzt, zum Beispiel um zu entscheiden, wer mitspielen darf.
Wenn Vorurteile in der Gruppe entstehen, wirken Appelle an einzelne Kinder wenig. Wirksamer ist es, an den Bedingungen der Gruppe zu arbeiten. In Corsaros Vergleich führten feste, alters- und geschlechtsgemischte Kleingruppen mit gemeinsamen Projekten über mehrere Wochen zu deutlich weniger Trennung zwischen den Kindern.
Und: Der Reflex „So klein und schon so etwas, das versteht das Kind doch gar nicht" ist empirisch nicht haltbar. Schon Drei- bis Fünfjährige nutzen Herkunft und Hautton, um Zugehörigkeit zu regeln. Erwachsene übersehen das oft, weil sie es den Kindern nicht zutrauen.
Die Juristin Kimberlé Crenshaw beschrieb 1989 einen Denkfehler, der bis heute verbreitet ist: Wir betrachten Benachteiligung meist entlang eines einzigen Merkmals, entweder Geschlecht oder Herkunft oder Armut oder Behinderung. Menschen leben aber nicht in einzelnen Merkmalen.
Der Verkehr kommt aus mehreren Richtungen. Wenn es kracht, lässt sich oft nicht sagen, welches Auto schuld war. Wer nur eine Richtung anschaut, sieht den Unfall nicht, und behandelt die verletzte Person deshalb gar nicht.
Für die Bias-Detektiv:innen ist dieser Begriff der Schlüssel zu einer wichtigen Aussage über KI: Ein System, das für Frauen und für Menschen mit dunklem Hautton jeweils halbwegs funktioniert, kann für Frauen mit dunklem Hautton gleichzeitig deutlich schlechter funktionieren. Genau das zeigt die Untersuchung zur Gesichtserkennung im nächsten Kapitel.
Arbeiten Sie nicht Merkmal für Merkmal ab („heute Mädchen und Jungen, nächste Woche Herkunft"). Fragen Sie stattdessen konkret: Welche Kinder in meiner Klasse werden in mehr als einer Hinsicht übersehen? Kinder, auf die mehrere Merkmale zutreffen, fallen in Förderlogiken oft durch alle Raster, weil kein einzelnes Programm zuständig ist.
Baron, A. S., & Banaji, M. R. (2006). The development of implicit attitudes. Psychological Science, 17(1), 53–58.
Burkholder, A. R., Elenbaas, L., & Killen, M. (2020). Children's and adolescents' evaluations of intergroup exclusion in interracial and interwealth peer contexts. Child Development, 91(2), e512–e527.
Corsaro, W. A. (2015). The sociology of childhood (4. Aufl.). Thousand Oaks: Sage.
Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the intersection of race and sex. University of Chicago Legal Forum, 1989(1), 139–167.
Heberle, A. E., & Carter, A. S. (2020). Young children's stereotype endorsement about people in poverty. Children and Youth Services Review, 108, 104605.
McKown, C., & Strambler, M. J. (2009). Developmental antecedents and social and academic consequences of stereotype-consciousness in middle childhood. Child Development, 80(6), 1643–1659.
Wood, L. A., Hutchison, J., Aitken, M., & Cunningham, S. J. (2022). Gender stereotypes in UK children and adolescents. British Journal of Social Psychology, 61(3), 768–789.